In den letzten 10 Jahren haben sich die Rahmenbedingungen, unter denen die
Theater ihren staatlichen Kulturauftrag erfüllen, stark verändert. Die deutschen
Theater haben seitdem ihren Personalstamm um gut 12% verringert. Die
Forderungen nach weiteren Kürzungen reißen jedoch nicht ab, leiden doch die
meisten Kommunen nach wie vor an akutem Geldmangel. Vor diesem Hintergrund
wird der Ruf nach strukturellen Reformen in den Kulturbetrieben von allen Seiten
immer lauter. Nur wie diese Reformen konkret aussehen sollen, dafür fehlen noch
immer schlüssige Konzepte, denn der Kulturauftrag gilt nach wie vor und am
Repertoirebetrieb soll auch nicht gerüttelt werden.
In dieser Situation stehen gerade die technischen Abteilungen in der Schusslinie,
vermuten doch viele Politiker hier noch unausgeschöpfte Sparpotentiale. In einigen
Häusern werden aus der Tradition heraus nach wie vor einige Bühnenbräuche und
Arbeitsweisen praktiziert, die, betrachtet man sie unter wirtschaftlichen
Gesichtspunkten, zumindest fraglich sind. Es gilt nachzuweisen, dass die öffentlichen
Mittel ausschließlich dazu dienen, Theater zu produzieren, und nicht aufgebraucht
werden, um Besitzstände von einigen Angestellten im öffentlichen Dienst zu
bewahren. Erst wenn diese Transparenz hergestellt ist, kann über weitere Schritte
zur Effizienzsteigerung nachgedacht werden. Dieser Schritt erfordert zwar einigen
Mut und Konfliktbereitschaft, ist aber unerlässlich.
Wo aber sind denn nun die unausgeschöpften Potentiale, gibt es sie überhaupt?
Einige sehen in der Zusammenlegung von Werkstätten einen großen Hebel, andere
sehen das Heil in dem neuen Ausbildungsberuf „ Fachkraft für
Veranstaltungstechnik“ und fördern das abteilungsübergreifende Arbeiten. Es gibt in
manchen Häusern sogar schon die Überlegung, die Abteilungsgrenzen zwischen
Ton- Beleuchtungs- und Bühnentechnik komplett abzuschaffen, um so die
Reibungsverluste an den Schnittstellen zu minimieren. Dies hat sich in kleinen
Theatern und Produktionsstätten bereits bewährt, stößt aber in einem Repertoire-
Betrieb schnell an seine Grenzen. Was bei allen Modellversuchen schnell klar wird
ist, dass es keine übertragbaren Patentrezepte gibt. Dieser Wunsch nach einer
übertragbaren Musterstruktur aus der Schublade muss an der Unterschiedlichkeit der
Kulturbetriebe scheitern. Der alte Satz „ ein Theater ist keine Schraubenfabrik“ gilt
eben doch. Nur kann er in der heutigen Situation nicht mehr die Rechtfertigung dafür
sein, nichts zu tun und still als Opfer zu verharren. Veränderungen sind für die
Zukunft unausweichlich. Den Weg können keine Unternehmensberater von Außen
vorgeben, die einzelnen Theater müssen ihn aus sich selbst heraus suchen, sich
individuelle Ziele setzen und diese unerschrocken verfolgen.
Die Umsetzung der Veränderungen, wie auch immer sie aussehen, gelingt jedoch
nur wenn die wichtigste Ressource der Theater, das Potential der Mitarbeiter voll
genutzt wird. Hier schlummern in vielen Theatern noch große ungehobene Schätze.
Um diese zu heben, ist es notwendig zu verstehen, wie sich das Potential der
Mitarbeiter zusammensetzt und welche Größen es beeinflusst.
Ein Faktor ist hier die Fachkompetenz. Um effektiv zu arbeiten ist es unerlässlich,
dass die Mitarbeiter fachlich gut ausgebildet sind. Weiter fließen die
Leistungsbereitschaft und die Struktur, in der gearbeitet wird, mit ein. Im Grunde gilt
es hier vier Fragen zu beantworten.
Die Einflüsse lassen sich sehr gut in der Abbildung erkennen.
Vision Gibt es eine übergeordnete Zielsetzung?
Darf der Mitarbeiter sich einbringen?
Kann der Mitarbeiter was er soll?
Will der Mitarbeiter sich einbringen?
Diese vier Faktoren fließen mit unterschiedlicher Gewichtung in den Potentialindex
ein. Die Struktur wird mit dem Faktor 1 bewertet, die Kompetenz der Mitarbeiter mit
dem Faktor 2 und die Leistungsbereitschaft sogar mit dem Faktor drei. Die Vision hat
den geringsten Einfluss und wird bei der Berechnung vernachlässigt. Was natürlich
nicht heißen soll, dass es sich nicht lohnt, daran zu arbeiten.
Breitgefächerte Untersuchungen haben gezeigt, dass der größte Hebel in der
Leistungsbereitschaft, im Engagement der Mitarbeiter liegt. Unternehmen mit hoch
motivierten, mäßig kompetenten Mitarbeitern, die in einer unklaren Struktur arbeiten
sind unterm Strich effektiver als Unternehmen, die kompetente Mitarbeiter in klaren
Strukturen beschäftigen, die Mangels Engagement jedoch Dienst nach Vorschrift tun.
Dies ist natürlich keine neue Erkenntnis und wird nicht wirklich jemanden
überraschen. Doch Konsequenzen hieraus sind selten zu erkennen. Investitionen in
die Kompetenz von Führungskräften, die maßgeblich das Engagement der
Mitarbeiter beeinflussen, sind weiterhin die Ausnahme. So scheitern viele gute Ideen
und Konzepte in der Umsetzung immer wieder daran, dass es den Theaterleitungen
nicht gelingt, für die Veränderungen ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die
Mitarbeiter wieder finden und in das sie sich einbringen wollen.
Sebastian Hellwig